Peter Kersken Lesung
Am Freitag, dem 7. Mai 2010, las Peter Kersken aus seinem 2. »Sterkrade«-Krimi »Im Schatten der Zeche«, emons: Verlag, Köln.
Buchvorstellung & Lesung wurden veranstaltet von Wiebus‘ Buchhandlung,
in der Stadtteilbibliothek Sterkrade, Finanzstraße 13, 46145 Oberhausen.

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KerskenLicht im Schatten

2008 erschien Peter Kerskens erster historischer (Kriminal-)Roman ‚Tod an der Ruhr‘. 1866, so konnte man darin unter anderem erfahren, wütete die Cholera im Revier. Jetzt haben wir Ruhr.2010.

Und sein zweiter Roman ist erschienen: ‚Im Schatten der Zeche‘.
Der spielt im Juni 1912, wie der erste wieder in Sterkrade, das 1929 Oberhausen eingemeindet wurde. Das ist das Jahr des großen, gescheiterten Bergarbeiterstreiks. 235000 Bergarbeiter, rund 60 Prozent aller Kumpel sind im Ausstand. Sie sind sozialdemokratisch und liberal orientiert oder Mitglieder der polnischen Bergarbeitervereinigung. Die Staatsmacht in Gestalt von Militär, Polizei und Gendarmerie unterstützt prohibitiv die Arbeitswilligen, die größtenteils dem Christlichen Gewerkverein angehören. In diese große geschichtliche Grundierung setzt Kersken die fiktiven kriminellen Geschehnisse des Sterkrader Juni, in dem die auch heute noch weit über die Grenzen der Stadt bekannte traditionelle Fronleichnamskirmes stattfindet. Ein junger Bergmann und ein kleinwüchsiger Artist werden tot aufgefunden und Kriminalhauptwachtmeister Zomrowski macht sich an die Ermittlung.

„Josefa raffte ihren Rock noch ein Stück höher.“ Das ist der erste, verheißungsvolle Satz. Zwar will sie ihr Kleidungsstück so nur dem Zugriff der Rheinuferwellen entziehen. Aber dieser Satz kann auch durchaus für Kerskens Methode stehen, sehr lebendiges Fleisch um die vergessenen kalten Knochen der Geschichte zu schmiegen.

Dass er die ‚Knochenarbeit‘ der Recherche in Archiven und Literatur in einer solchen Form der Leserschaft darbieten kann, zeugt von beeindruckendem literarischer Können. Die Fiktion richtet sich immer nach der historischen Realität. Und gerade das macht das vielköpfige Romanpersonal glaubwürdig und vital. Die Fülle bergbautechnischer, verwaltungspolitischer, migrationsdynamischer, glaubenspraktischer und lebensalltagspolitischer Informationen hat eben Augen und Ohren und Namen, ist riechbar und nachfühlbar. Der Juni 1912 ist so nah, dass man sich an ihn erinnern zu können glaubt, wie bald schon an den kommenden. Das ist der Trick: Die Aufklärung der Todesfälle ist kein Selbstzweck.

Insofern gehört Kerskens Kriminal-Roman zu den intelligentesten der Gattung. Er ist keiner dieser ‚kriminösen‘ Heimatromane, die man zur Vervollfettung seines jeweiligen regionalen Umfeldes benutzen kann, und die mit ihrer literarischen Belanglosigkeit den Markt überschwemmen. Er bezieht seine Spannung aus der historischen Genauigkeit, die dem fiktionalen Plot eine Seele gibt.

Das ermittelnde Licht, das Zomrowski in den Schatten der Zeche bringt, leuchtet die industriestädtische Sterkrader Gesellschaft als pars pro toto in ihrer Schichtung aus. Vom Schlepper im Pütt, der seine Familie so eben über die Runden rettet, über die Hüttenkredit finanzierten Häuschen der Dreher, bis zu den Kaufmannsfamilien, in denen Dienstmädchen sich um deren Nachwuchs kümmern.

Heute, da die wenigen erhaltenen Zechen - ‚kulturiet‘ oder zu Eventgehäusen umgewidmet - wie desorientierte stählerne Dinosaurier nur noch ihre jüngste Vergangenheit zu beschatten verdammt sind, öffnet Kerskens Roman den Blick. Einen Blick in die Gegenwart des Vergangenen. Wo 2010 ist, war 1912. Oder umgekehrt?

Peter Kersken: Im Schatten der Zeche. Emons Verlag 2010. 11,--€

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