wambach Die sieben Briefe des Doktor Wambach

Das Leben des Doktor Wambach, verwitweter Obervertrauensarzt im Ruhestand, mäandert bedächtig durch die Tage. Alles darin hat seine Ordnung und Regelmäßigkeit, bis er eines Tages Zeuge eines Verlustes wird: bei einem Spaziergang trifft er auf die fünfjährige Ise, die das Verschwinden ihrer Puppe Rapunzel bitterlich beklagt. Der greise Arzt tröstet sie und möchte ihr über den so schwerwiegenden Verlust hinweg helfen. Er verfällt auf die Idee, Rapunzel ihrer Puppenmutter Briefe schreiben zu lassen, in denen sie ihr über ihren Aufenthaltsort und ihr Ergehen berichtet. Diese sieben Briefe sind so phantasievoll und tröstlich, wie Wambachs Überlegungen bei ihrem Verfassen einfühlsam und humorvoll. Klaus Nonnenmanns Kurzroman „Die sieben Briefe des Doktor Wambach“ ist 1959 bereits zum ersten Mal erschienen. Eine stille fast heiter-satirische Anmut liegt in diesem kleinen Roman, in dem der Doktor durch seine Briefe nicht nur die kleine Ise tröstet, sondern auch die Spuren seiner Liebe zu seiner lang schon verstorbenen Frau wiederfindet. Das ist ein Stück großer Literatur in kleinem Format, schwebend zwischen Wehmut und Heiterkeit, das nicht nur die Blüten des Auflebens literarisch duften lassen, sondern auch mit den Wechselfällen des Ablebens versöhnen kann. Klaus Nonnenmanns Texte wurden von Kollegen hoch geschätzt, von einer breiteren Öffentlichkeit aber nicht so recht wahrgenommen. Kaum zu glauben und nicht zu verstehen, wenn man den Roman gelesen hat.

Klaus Nonnenmann: Die sieben Briefe des Doktor Wambach. Unionsverlag. 12,95€


sowa Stinkheim am Arschberg

Es begab sich aber zu der Zeit, da noch Drachen lebten und der heutige Luftkurort Blasheim am Hohen Zwilling noch Stinkheim am Arschberg hieß. Wie es zu dieser Namensänderung kam, welchen Anteil daran ein scheuer Drache und die von seinen feurigen Flatulenzen bedrängten Stinkheimer hatten, das hat Michael Sowa erzählt und gemalt, altmeisterlich verspielt und detailreich, gebettet in eine idyllisch verputzelte Voralpenlandschaft. Die Geschichte: Versteckt im Arschberg schlummert ein Drache, der sich zu nächtlicher Stunde über die Felder hermacht und alles frisst, was ihm vors Maul gerät. Zurück im Bergversteck gibt er sich schlummernd der Verdauung hin, die phänomenale Darmwindige freisetzt, was den Stinkheimern die Daseinsfreude trübt. Ein mit der Problemlösung beauftragter Knappe wird von einem gewaltigen Flammenfurz außer Gefecht gesetzt. Schließlich schlagen die Stinkheimer den Drachen mit seinen eigenen Waffen. Bohneneintopf, Kohlsuppe, Erbsenbrei und Sauerkraut bilden dafür die Grundlage. Wie es weitergeht? König Achim II wird fast noch Zeuge des „duftenden“ Sieges, findet Gefallen am Besiegten und erfüllt den Stinkheimern nur allzu gern dafür den Wunsch der Umbenennung ihrer Ortschaft. Der Drache leistet dem König nützliche Dienste und verschwindet aus der Geschichte. Die lehrt uns schließlich, dass die tapferen, Drachen besiegenden Ritter nie von feuerspeienden, sondern feuerfurzenden Drachen hätten berichten müssen, was Ehre und Ruhm doch arg gemindert hätte. Und dass man zu stinklangweiligen Kurorten abenteuerliche Geschichten erfinden kann. Ein Bildermärchen für jedes Alter.

Michael Sowa: Stinkheim am Arschberg. Kunstmann Verlag 2012. 14,95€


suhly Glückskind

Mit einem „Scheißtag“ in Hans D.s Bewertungsskala beginnt Steven Uhlys gerade erschienener dritter Roman „Glückskind“. Hans ist vor Jahren aus dem wohlständigen Mittelklasseleben gefallen und als Hartz Vierler im fünften Stock eines Hochhauses gelandet. Vereinsamt, verwahrlost, verbissen. ‚Er unterscheidet die Menschen nicht mehr, weil alle Menschen Fremde sind‘ . Als er Mülltüten entsorgt, findet er in den übervollen Tonnen auch eine lebensgroße Babypuppe. Seine sich blähende Zornesblase auf die Wegwerfgesellschaft platzt jäh, als die vermeintliche Puppe sich bewegt. Hans nimmt das Baby an sich, er nennt es Felizia; und binnen weniger Stunden, weniger Augenblicke ändert sich sein Leben vollständig. Nicht nur sein Aussehen wandelt sich vom vollbärtigen Karl-Marx-Replikat zum haarbereinigten sorgenden Großvaterhaupt, auch seine Beziehungen zu feindlichen Nachbarn werden zu freundschaftlichen und seine mutlos schwimmenden zu sich selbst gewinnen mehr und mehr festen Boden. Er erinnert sich an seine eigenen Kinder, die er als ‚Hausmann‘ aufgezogen hat. „Zwanzig tote Jahre in drei Tagen Leben,“ erkennt er. Als durch die Nachrichten bekannt wird, wer für diese grauenvolle ‚Kindesentsorgung‘ verantwortlich gemacht wird, entwickeln Hans und seine Mitwisser Strategien, den polizeilichen Nachforschungen zu entgehen. Erst als die geständige 24-jährige Mutter des Mordes angeklagt wird, da das Mädchen nicht auffindbar ist, muss eine Entscheidung getroffen werden. – Steven Uhly erzählt das alles in einer Berichtsform, die genau auf der Schneide vom Miterleben eines tatsächlichen Geschehens und der Fiktion dieser Wirklichkeit balanciert, hochdramatisch und spannend: die fragile Schicksalsmechanik des Glückskindes Felicia und ihrer Retter.

Steven Uhly: Glückskind. Secession Verlag für Literatur, 2012. 19,95 €

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