ruehmkorf"Unaussagefreudig" – Die Zahl der Lyriker, die vom Leser nicht die Gefolgschaft in ein nur von ihnen erleuchtetes, alltagsfernes Dunkel verlangen, ist nicht so groß. Und leider 2008 um einen bedeutendsten noch vermindert worden: Peter Rühmkorf.
Sein letztes Buch ‚Paradiesvogelschiss' versammelt neben letzten Gedichten auch eine Vielzahl von ‚Blättern' genannten gedankensplittrigen Sprengsätzen, die nicht mehr zu Gedichten werden konnten, weil der Tod des ihn erwartenden und bedauernden Autors dazwischen kam. Seiltänzerisch, seismographisch, voller Lust am Dasein und immer die Gewissheit der Vergänglichkeit im Nacken erscheint Peter Rühmkorf als Ritter des Reims in papierener Rüstung; jenseits aller geschmäcklerischen Befindlichkeitsbesoffenheit. Vom Vogelschiss bis zur Weltpolitik, vom Beischlaf bis zum Absterben; ein Welten-Kaleidoskop.
Drei Kostproben aus den ‚Blättern': "Von einer gewissen Gehaltsstufe an/ beginnt der Klassenkampf"; "Und also muß man/ oder sollte lernen,/ sich vom Erlernten/ klaglos zu entfernen." "Woran es den Kollegen fehle?/ Verbindungsfäden zwischen Satz und Seele."
Wem aus schulzeitlichen oder anderen Gründen Gedichte suspekt erscheinen, dem wird die Lektüre die Gründe fadenscheinig werden lassen. Und wer nicht lesen will, der kann die Gedichte hören: von Rühmkorf selbst gesprochen; was er auch unvergleichlich gut konnte.
Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiss, Rowohlt Verlag, € 19,90/ CD,
Hoffman u. Campe, € 17,95

rothmannNur Gottlose beten
Romane von Ralf Rothmann lesen heißt – mag man sie als gelungen oder nicht empfinden – sich in den Sog schwarzer Löcher zu begeben.
In seinem gerade erschienen 'Feuer brennt nicht' erzählt er die Geschichte der Liebe von Wolf, dem Schriftsteller, und Alina, deren Namen nur das ‚b' hinter dem ‚l' fehlt, um ihre weiße Reinheit zu beschreiben. Die Geschichte dieser Liebe ist auch die Geschichte des Landes, in denen sie sich entwickelt; beginnend mit dem märkischen Lüdenscheid, endend im berlinischen Friedrichshagen nach dem Mauerfall. Und sie ist auch eine der Virilität Wolfs, dem gelegentliche one-night-stands und Puffbesuche so nötig für seine Liebe sind, wie die Fürsorge Alinas, seiner Göttin.
Rothmanns alter Ego ist älter geworden, als in 'Wäldernacht', ‚Milch und Kohle' oder ‚Junges Licht'; und egoistischer, wie ihm seine zunächst vor Alina verheimlichte, aus früheren Tagen bekannte und in Berlin wieder aufgetauchte Sexpartnerin Charlotte zuletzt vorhält. Sie, eine arrivierte Wissenschaftlerin, meint die Planetin zu sein, deren Umlaufbahn Wolfs Liebe erst zu dem macht, was er ohne sie fälschlich für Erfüllung hält. Wolfs - auch kreatives - Defizit ist nicht nur sein tierisch anmutender Geschlechtsdrang, sein überflüssiges Sperma; es ist in dem Satz geronnen: "…,aber letztlich…macht er nur Liebe, Alina ist Liebe."
Aber es geht nicht nur um Liebe und Geschlechtsverkehr; es geht um das, in das sie gebettet sind, wo sie stattfinden: um den Alltag und seine Räume; um die Genese einer Zweisamkeit, eines Zweipersonen Haushalts, der sich schließlich durch den Pflegemischlingsrüden ‚Webster' wie um ein vierbeiniges Kind auf drei erweitert; um Reflexionen über das Dasein und das Schreiben. So erotisch Wolfs Wahrnehmungen der Umwelt zu Wörtern und Sätzen werden, so unerotisch, illusionsverschneidend sind die Akte der Befriedigungen. Die unbehauste Hilflosigkeit wird da nur von der Erektion beschattet.
Ralf Rothmann schreibt seinem Leben entlang. Mehr zufällig denkt man zuweilen, der oder die könnten die oder der sein. Und eine erfolgreiche Überprüfung quittiert die Vermutung. Das sind die Fingerabdrücke im Text, die er hinterlässt; so wie Alfred Hitchcock immer unvermutet in seinen Filmen für Sekunden auftaucht.
"Heute noch etwas erfinden, heißt der Wahrheit verlorengehen." Das ist ein Satz, der stellvertretend für viele die Poetik des Autors meint. Die Wahrheit ist eine poetische, sie ist die der einzig möglichen Sätze; ein pathetisches Verlangen; das der Text aber einlöst durch Schlackenlosigkeit. Grandiose szenische Situationen, ob sie nun das Wesen der vergangenen DDR-Untertanen einfassen, die Natur oder die Großstadt. Ausflüge werden gemacht in die Gegenwart der Vergangenheit; und ob sie nun zu Fuß, mit der Bahn, mit dem Flugzeug nach Berlin und Umgebung, Amsterdam oder Paris geschehen oder endoskopisch in Wolfs Magen und Darm: Rothmanns Sprache findet so somnambul wie hellsichtig immer genau die Nahtstelle von Fiktion und Biographie. Manchmal bekommt man beim Lesen Schlupflider, beim "panischen Japsen" des hyperventilierenden Wolf z.B.; und dann wieder stehen mitten im Textfluss apodiktische Aussagen wie griechische Tempelsäulen: "Weh dem, der nicht im Schutz der Liebe altert."
"Das Fauchen der Schwäne auf dem See: als würde der Stille die Haut abgezogen." : das ist bis zur Sprödigkeit gehärtete Implosion einer Wahrnehmung. Rothmann ist ein neuromantisch Empfindsamer, der aus dieser Verfassung Romanfiguren und Handlungsstränge bildet, die ihren Autor und dessen Wahrheit erfunden zu haben scheinen.
Am Ende des Romans, gerade, als nach mehreren Wohnungsumzügen ein für beide ideal erscheinendes Haus lockt, ist Wolf alleingelassen: der Hund fortgelaufen, Alina, die ihm eine zum Tode führende Erkrankung verheimlicht hat, so wie er ihr zunächst seine Beziehung zu Charlotte, hat sich im Wald das Leben genommen.
Ein Zitat des bedeutenden Spiritualisten Meister Eckhart ist, auf dem Deckblatt von Alinas zurückgelassener unfertiger Dissertation "mit Bleistift geschrieben und nur flüchtig wieder ausradiert" der schwere Schlussstein des Buches: "Wisset, meine Seele ist so jung, wie da sie geschaffen ward, ja, noch viel jünger!..."
Wenn es nicht geradezu blasphemisch wäre, könnte einem der Frageslogan eines im Zeichen des Imbus agierenden Einrichtungshauses einfallen: ‚Wohnst du noch oder lebst du schon?'
Das große Gewicht der meditativen Ernsthaftigkeit, in dem komische Sequenzen wie Lunker eingeschlossen sind, ist beeindruckende Stärke des Romans und Schwäche zugleich; vielem haftet eine stilisierte freudlose Eitelkeit an. Vielleicht sollte man nicht Bleigießen, wenn man die bizarren Tentakel um den Plumbumkorpus fürchtet. Aber lesen sollte man ‚Feuer brennt nicht' jedenfalls.
Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht. Suhrkamp Verlag 2009. 303 S., 19,80 €

genazinoDas Glück in glücksfernen Zeiten
"Ich lebe auf, wenn ich mich von etwas abwenden kann." sagt der Philosophieprofessor Warlich, der sein Geld aber mit schnödem, markttauglichen Wäscheausfahren verdient; und am liebsten nur ‚halbtags' leben möchte. Und genau in diese Verfassung kommt der Kinderwunsch seiner Freundin Traudel. Das bringt ihn, der sich so eben in eine halbwegs erträgliche, ichumkreisende Daseinsform gefunden hat, ins Trudeln.
Wie kann er dem täglichen Unglück die Chance zum Verlust der Vorsilbe geben? Ein zarter Atem der Verzweiflung fermentiert den Text. Das Erzählen der Tages- u. Nachtabläufe, die sinnsuchenden Überlegungen, die Warlich anstellt, sind in ihrer Lakonie so humorisitisch und disparat, dass beim Lesen das Erkennen des heutigen Lebens lustvoll aufdämmern kann. Wer sind wir, die wir so leben? Die Sehnsucht nach Glück als nicht enden wollender unglücklicher Weg dahin; die Leichtigkeit des Seins im Blei der Umstände; oder andersherum: das Gewicht der Welt in der Leichtigkeit der Gedanken. Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten.
Hanser Verlag, 2009, 160 S., € 17,90

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