coverErhebend abgründig

Verregnetes Nest an der englischen Küste. Ein "Taugenicht"' (wie er sich selbst nennt) erzählt seine Lebensgeschichte von dem Entschluss an, seine todgelaufene Ehe durch eine Stoß zu beenden. Der soll seine Frau von der Klippe in den letalen Abgrund befördern; und was die Physik der Tat betrifft auch gelingt. Als er erleichtert ins traute Heim zurückkehrt, erwartet ihn dort aber die vermeintlich Abgestoßene. Ein jäh aufloderndes späteheliches sexuelles Feuer kann seine Verwirrung nicht gerade löschen: wen im gelben Regenmantel hat er denn nun ins Jenseits befördert!? – So trocken wie schwarzhumorgesättigt erzählt Binding diese Geschichte; Vertuschungsversuche erhellen die Vergangenheit; am Ende steht die Verurteilung des "Taugenichts", die allerdings nichts mit seinem Tatvorhaben zu tun hat.- Ein Lesevergnügen, das den alltäglichen Wahnsinn schlicht und ergreifend erträglicher macht; und sogar reizvoll. Schwarzer Humor macht eben helles Licht.

Tim Binding: Cliffhanger, (Übers. Von Wasel/Timmermann), marebuch Verlag, 19,90 €


coverEin Roman für die Ohren

Ein einzigartiger "Roman" ist Peter Kurzecks: "Ein Sommer, der bleibt" schon deshalb, weil er gar nicht als Buch existiert, sondern nur in vom Autor gesprochener Form. Auf vier CDs ist seine Stimme konserviert, die das Dorf seiner Kindheit erzählt: bildreiche Erinnerungsmosaike im Rahmen des hessischen Dorfes Staufenberg in den frühen Jahren der Bundesrepublik, beispielhaft, grandios in der Einheit von Vortrag und Vorgetragenem. Aus der vermeintlichen dörflichen Begrenztheit leuchtet eine magisch-realistische Erinnerungskunstwelt auf, der Kurzeck so subkutan wie beschwörend eine unauslöschliche Gegenwart verleiht. So, wie in seinen meist autobiographisch entzündeten Romanen gelingt es ihm, gelebte Zeit literarisch dingfest zu machen, zu materialisieren. Dass Peter Kurzeck in diesem Fall die akustische Form gewählt hat, ist eine glänzende Erweiterung des Genres; nicht zu vergleichen mit jedweder mehr oder minder gut von wem auch immer vorgelesener Romanvorlage. Für 290 Minuten geht eine ganze Welt durch die Ohren in die Köpfe von Hörern & Hörerinnen. Dass er dafür den Hörbuchpreis 2008 erhalten hat, ist zwar nichts weniger als selbstverständlich; sprengt aber andererseits den Rahmen dieses Preises.

Peter Kurzeck: Ein Sommer, der bleibt. Supposé Verlag, ISBN 3-932513-85-1, € 34,80


coverDer unauffällige Mut; oder:
Weltalltag in Bochum-Wilhelmshöhe

Es gibt Schriftsteller, denen es gelingt, zwischen ihren Roman und ihr Leben gerade mal das Papier passen zu lassen, auf das sie ihn schreiben. Wolfgang Welt ist ein solcher; als wäre sein Nachname die Verpflichtung zu einem literarischen Lebensprogramm.
Einerseits erinnern seine Romane an den berserkernden Spitzentänzer des Literaturbetriebs mit dem gusseisernen Gedächtnis: Jörg Schröder; andrerseits an die mantraartig kleinstteiligen Weltverzeichnungen Hermann Lenz' oder die fortschreitenden Bewegungsétuden Handkes, denen beiden er dankbar zuneigt.
Sein gerade erschienener Roman "Doris hilt" belegt das wieder. Es ist sein vierter Roman, der hoffentlich sein Stigma als Geheimtipp, das ihn seit seinem ersten Roman zeichnet, zergehen lässt. Denn Doris hilft nicht nur, den Autor kennen zu lernen, sondern auch das Leben; nicht nur in Bochum, als pars pro Ruhrgebiet, sondern auch als solches, überhaupt und im Kopf.
Er ist die Fortschreibung seiner ersten drei Romane, die in langen Abständen erschienen (Peggy Sue, 1986; Der Tick, 1999; Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe, 2006) und die hauptsächlich in der Zeit nach einem versickerten Studium als Nachtportier des Bochumer Theaters entstanden sind. Wolfgang Welt schreibt von der Welt, die in seinem Fall Bochum heißt. "Ich sah aus dem Fenster, eine riesige Fläche. Bochum. Oder die Welt." Das tut er in Psychiater Hummels Sprechzimmer, in das er von seinem Bruder gebracht worden ist. Spätere Diagnose in der "Geschlossenen": Schizophrene Psychose.
Viel ‚Pop'-Musik, Bier, Zigaretten, Frauen, Geldnot, Wichsen, Fußball, bekannte Namen und Gestalten aus Literatur- und Theaterbetrieb, Wilhelmshöhe. Sehnsüchte sind so gedeckelt, dass man sie beim Lesen erfinden muss. Aber das fasziniert: das schreibt einer, dem es eher schlecht als recht geht. Und es macht ihm zu wenig aus weiterzuschreiben, als dass er an Schluss zu machen auch nur eine Zeile verschwendet.
Die Zeitläufte umspülen das Welt-Ich, tragen ab und lagern an. Kein selbststilisierndes Pathos, wie bei Ralf Rothmann, einem anderen, bekannteren Ruhrgebietsweltler; einfach aufgeschrieben.
Von dem Literatur-Monolithen Arno Schmidt (auch ein Erwähnter) stammt das Zitat: "Nur die Phantasielosn flüchtn in die Realität; und zerschellen dann, wie billich, daran." Wolfgang Welt hat zu fliehen nicht nötig, er ist in der Realität geborgen, trotz oder vielleicht wegen deren Unerträglichkeit. Und eben daraus entsteht die Phantastik des unerwähnten Mutes Welts: weiterzumachen. Weltalltag in Bochum-Wilhelmshöhe.
"Wie fühlen sie sich jetzt?", wird er am Vortag seiner Entlassung aus der Klink gefragt; und er antwortet mit dem letzen Satz des Romans: "Und ich malte eine Faust, die ein Fenster durchschlägt."
Dem Roman ist als Bonustrack noch ein Text Welts angefügt ("Bob Dylan & Buddy Holly. Kein Vergleich"), der auszugsweise 1991 zuerst in der taz erschienen ist und beispielhaft für seine Arbeiten als Musikjournalist steht: kenntnisreich, witzig, polemisch und nachgerade köstlich verteilend als Nachspeise zu einem mächtigen Roman.

Wolfgang Welt: Doris hilft; Suhrkamp Verlag, 2009, ISBN 978-3-518-46051-1. € 8,50

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