coverabbHans Traxler:
Das Schutzengelbuch.

Als die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen auf 12 Jahre gesunken war, kam der Liebe Gott gerade noch rechtzeitig auf die Schutzengel-Idee, die er nach dem Prinzip Versuch und Irrtum zum Behufe behütenden Schicksal-Designs für die Menschenkinder in die Tat umsetzte. Nach mehr oder weniger gelungenen Kreationen und den üblichen Startschwierigkeiten bei Neuentwicklungen hat sich bis heute ein Schutzengelmodell durchgesetzt, das die Gültigkeit der göttlichen Idee zu belegen scheint. Wir können uns ein Leben ohne sie kaum noch vorstellen. In allen möglichen Situationen stehen sie parat, greifen unsichtbar ein, verhindern Schlimmeres. Oder, wenn sie gerade einmal abgelenkt sind oder nicht nachdenken, auch dessen Gegenteil. So hat sich ein Schutzengel namens Manfred am 20. Juli 1944 als dümmster Schutzengel aller Zeiten profiliert, als er beim Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze einen auf den niederstürzenden lodernden Balken abfing. Überhaupt kann der Eindruck aufkommen, dass englische Ablenkung und menschliche Ignoranz die göttliche Idee in ihrer Umsetzung doch öfter behindert haben. Das alles hat der große Zeichner und Satiriker Hans Traxler in seinem Schutzengelbuch genial witzig festgehalten und beschrieben. Er beklagt auch z. B. die im Vergleich zu den Kronberger Villenvierteln um 97% geringere Schutzengeldichte in der New Yorker Bronx. Und er schildert nach einem Gang durch die Weltgeschichte noch sechs wahre Schutzengel-Geschichten aus höchstpersönlichem Erleben, was alles umso authentischer macht. Schließlich dankt er den Beflügelten für gute Zusammenarbeit und empfiehlt sogar die Käufer seines Buches deren schutzenglischer Beachtung. Wenn das nicht mal ein frommer Wunsch ist!
Hans Traxler: Das Schutzengelbuch.
Heyne Taschenbuch, 2005, 8,-- €


coverabb Wim Wenders:
Places, strange and quiet.

Wim Wenders ist ein weltbekannter Filmregisseur. Und ein bedeutender Photograph, was vielleicht weniger weltbekannt ist. "Places, strange and quiet" ist der Titel eines handlich schlanken Kataloges, der jüngste photographische Arbeiten dieses Augenmenschen versammelt. Zwar misst der Bildband nur knapp ein Zehntel der originalen C-print Größen , aber selbst in diesem stark reduzierten Format entwickeln die Aufnahmen einen gemäldehaften Sog. Sie zeigen seltsame, ruhige, geräuschversiegelte Orte, die überall auf der Erdkugel in seinen Kamerasucher geraten sind. Wenders sagt, er habe das Gefühl, als suche nicht er die Orte, sondern die Orte ihn. Gefunden haben sie ihn dann z. B. in Süd- und Nordamerika und Japan. Auch Russland, Deutschland bergen solche Zusammenkünfte. Der Blick kann in eine verödete Straßenzeile oder weit ins Land von einem Hochhausdach führen. Allen gemein ist die Abwesenheit von Menschen. Zuweilen wirken sie wie poetische Tatortaufnahmen, festgehaltene Spuren eines ungeklärten Geschehens. Photographien, die den Geist niederländischer Malerei des Goldenen Zeitalters atmen, an Edward Hopper erinnern. Komprimierte Texte, manchmal nur wenige Titelwörter, begleiten die festgehaltenen Zeitaugenblicke wie ein Staunen über deren bedeutende, über sich hinausweisende Wahrhaftigkeit. Es ist die Magie des Augenöffnens nach dem Blendenverschluss, die Ort und Zeit der Aufnahmen im Betrachter fühlbar gegenwärtig und authentisch macht.
Wim Wenders: Places, strange and quiet. Verlag Hatje Cantz, 2012, 24,80 €


coverabbThomas Kapielski:
Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen.

"Deutschland ist ein angestochener Fettkäfer. Noch zappelt er nicht, er staunt nur blöd." Wem Sätze wie diese das herbe Lachen der geteilten Erkenntnis bescheren und Lust auf einen absurd scheinenden Zukunftsmut, dem oder der sei Thomas Kapielskis ‚Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen' zu Lektüre empfohlen. Der Wort- und Bildkünstler K. erkennt die Welt vor und hinter lauter Ecken und Winkeln im Großen wie Kleinen. Mit ca. 100 zweiseitigen Textminiaturen, denen jeweils ein Photo zur irritierenden Erhellung vorangesetzt ist, leuchtet er den Lesern heim durch Tag und Nacht, Welt und Sinnverhaue. Und wenn ein Gedankengang zu verstellt erscheint, um ihn sicher zu durchschreiten, entmachtet Kapielski das Zögern mit der Wucht eines vom Leben gezeichneten Satzes: "Alles, was je war, ging bis eben vorbei…" Aus tiefgestaffeltem Alltagswissen und überraschenden philosophischen Extrasystolen schreinert er verrückte Kopfmöbel. Die durchaus das Zeug für lebensbekleidende und daseinsbegleitende Reserven bergen können. Die ganz uneitle Kunst Kapielskis ist es eben, unter der Haut des scheinbar Banalen den Funken der Erleuchtung zu entdecken. Und umgekehrt großphilosophische Sentenzen aufs Verblüffendste in den Abraumhalden des Alltags.
Thomas Kapielski: Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen.
Suhrkamp Verlag 2012. 14,-- €
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