diezelleZählte man die Themen alle auf, die Charles den Tex in seinem Thriller Die Zelle anschneidet, könnte man vermuten, sie seien in einem Roman gar nicht unterzubringen. Aber es gelingt ihm bestens, weil er uns durch seinen Ich-Erzähler, den jungen Amsterdamer Unternehmensberater Michael Bellicher, hautnah alles miterleben lässt. Wie fragil und lebensgefährlich doch der Alltag plötzlich werden kann, wenn staatliche Organisationen und Politik sich nicht über den Weg trauen und einem selber die Identität wie ein Teppich unter den Füssen weggezogen wird. Bellicher ist einziger Zeuge eines Autounfalls mit tödlichem Ausgang. Er benachrichtigt die Polizei und gerät so in eine Situation kafkaesken Zuschnitts. In eine Gefängniszelle gesteckt, wird er verhört bis zum drohenden Identitätsverlust. Seine vorläufige Freisetzung kompliziert seine Lage nur. Sein Leben wird bedroht, irgendjemand hat seine Identität für obskure Millionengeschäfte benutzt. Eine Jagd durch die Niederlande beginnt, durch Gewächshauswüsten und Großstädte, durch das world wide web und durch dunkle Flure und Gänge, zu Fuß und mit rasanten Autorasereien. Wenige Freunde helfen. Einer, Computerfachmann, sagt : "Man muss erst das Chaos vergrößern, sonst arbeitet man mit der Ordnung eines anderen." Und Bellichers Anwältin: "Die öffentliche Meinung ist die dümmste Erfindung der Menschheit." Nach einer dramatischen Steigerung happyendet die Geschichte; das einzige, was nicht hätte sein müssen.
Charles den Tex: Die Zelle, grafit Verlag 2009, 19,90€


godspocketGod's Pocket ist der Titel eines Romans von Pete Dexter, der bereits 1983 in New York und jetzt erstmals in Deutschland erschienen ist. Und es ist der Name eines Viertels von Philadelphia, in dem sich der Teufel wohl den Arsch abputzen lässt, sich dafür aber nur mit einem weiteren Scheißhaufen bedankt. Erwerbsverhältnisse, die Arbeitslosigkeit wie das Paradies erscheinen lassen, Mord, Diebstahl, Alkohol- und Drogenkranke, Mafia, korrupte Polizisten, versoffene Reporter. Das alles greift so ineinander, dass es von Seite zu Seite ärger wird; und wenn man das Buch zugeklappt hat weiß man, dass das dicke Ende noch aussteht. Oder vielleicht doch nicht? Als hätte man ein Geisterbahnabonnement, das erst gültig wird, wenn die Kirmes schon abgebaut ist. Großartig! Dexter erzählt so krude und schwarz pointiert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Und damit gelingt ihm zugleich, die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit aufscheinen zu lassen. -
Übersetzt von J. Bürger und K. Bielfeldt, als läse man das Original.
Pete Dexter: God's Pocket; Liebeskind Verlag 2010; 22,--€



dorfderwunder"Ein Menschenleben ist nicht viel wert, aber man klammert sich doch gern daran, wenn man es nun schon hat.", sagt Timo Vatanen, der als junger Holzfäller zwischen die Fronten des sowjetisch-finnischen Krieges im Winter 1939/40 gerät. Er will einfach da bleiben, wo er ist, wo er glaubt, das Sinnvollste für sich und andere tun zu können. Weder die Landsleute, noch die Angreifer können ihn verrücken, auch nicht mit Gewalt. Bei 30 bis 40 Minusgraden muss man sich warm halten, essen, trinken und schlafen. Und nach Möglichkeit seiner Arbeit, dem Holzfällen, nachgehen, um nicht die Fassung zu verlieren. Man muss das Leben eingerichtet halten, sich um andere kümmern wie um sich selber; auch und besonders in dieser extremen Situation. Freund und Feind sind ob der so einfachen wie unverbiegbaren Philosophie dieses Sonderlings machtlos. Die ist überhaupt nicht intellektuell vergittert, sondern speist sich aus Intuition. Roy Jacobsen erzählt diese Geschichte im Roman "Das Dorf der Wunder" ganz lakonisch, ohne moralische Wegweiser aufzustellen. Behausung und Heimat, was ist das? In der Nacht zum 26. März 1967 endet der Roman mit einer Erkenntnis Vatanens, die alles Geschehene begründet. Roy Jacobsen: Das Dorf der Wunder. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Osburg Verlag 2010, 19,95 €

Buchempfehlungen:

Archiv öffnen
ARCHIV 1
Nonnenmann, Sowa, Uhly
ARCHIV 2
Binding, Kurzeck, Welt
ARCHIV 3
Traxler, Wenders, Kapielski
ARCHIV 4
Harder, Seethaler, Ringelnatz
ARCHIV 5
den Tex, Dexter, Jacobson
ARCHIV 6
Lüdersen, Widmer, Lyrikstimmen
ARCHIV 7

Evers, Bötefür, Capus
ARCHIV 8

Born, Schertenleib, Reichlin
ARCHIV 9
Lang, Keune,Schimmang
ARCHIV 10
Rühmkorf, Rothmann, Genazino





Für den Inhalt dieser Seite ist eine neuere Version von Adobe Flash Player erforderlich.

Adobe Flash Player herunterladen