eversHorst Evers 20.9.2009, 20 Uhr, Ebertbad.
Review zum Programm: "Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen" von Horst Evers Horst Evers ist ein Scheinpummel. Steht oder sitzt er in seinem roten Cordhemd auf der Bühne, wirkt er rundlich, sein sanftes Doppelkinn wie eine kleine Welle, die von der Ebbe zu sich gerufen wird.Er ist ein nachdenklicher Mensch, wie sein Programm belegt. Er erzählt von den Dingen des Alltags, von Installationsproblemen, Eierkochern, Fahrrädern, deren Aufenthaltsort vergessen ist, von morgen gestrigen Broten, die heute noch das doppelte kosten. Und wenn der Zahnarzt dem Patienten ins aufgesperrte Maul seine Aussicht als eine ihn an einen Akropolisbesuch erinnernde erläutert und ihn fragt, sein eigenes makelloses Gebiss bleckend, warum das denn wohl so sei, bekommt er zungenschlagbehindert die Antwort, er, der Zahnarzt, habe vielleicht den besseren Zahnarzt. Ärzte wie Patienten im Publikum lachen vergnügt ergriffen jenseits der Versicherungsleistungen. Die zusammenhanglos daherkommenden Evers-Geschichten, vom Blatt gelesen zwischen improvisiert scheinenden Monologen, nehmen zeitlupenartig Geschwindigkeit auf. Zum Schluss ist plötzlich alles miteinander verbunden. Man ahnt es fast einen halben Schritt schneller, als es so erscheint. Oder langsamer? So lange nachdenken, bis der Entschluss selbst Nachdenken geworden ist. Wie schön, dass damit nichts erledigt ist!
Wenn man Horst Evers dann auf Armlänge gegenübersitzt, schaut man in ein heiter melancholisches Gesicht. Unpummelig, die Gesamterscheinung. Die Liddeckel erinnern in ihrer Halbkreisform an Schlafpuppen, die ja immer wachen. Und die kurze Haarkranzklammer wie die Parenthese um einen Denkmeiler, in dem der Alltag kerngeschmolzen wird.


fronleichnamMarkus Bötefür: Der dritte Oberhausen-Krimi von Markus Bötefür ist gerade erschienen und heißt: ‚Fronleichnam'. Nicht, dass sich die Sterkrader Kirmes danach gerichtet hätte; eher umgekehrt. Der Roman, wie auch seine Vorgänger, zielt weniger auf akribische Ermittlungsarbeit und passgenaues Recherchepuzzlen. Er wirkt durch sein ‚akzentuiertes', alltagsbizarres Personal.

Im ersten, ‚Leichenschau', ging es um Herkunft und Zuordnung herrenloser Unterarme. Im zweiten, ‚Damenjagd', wurden die Reihen der Oberhausener Jägerschaft und Sportpädagogen gelichtet. In diesem jetzt ist vom dubiosen letalen Karussellunfall über Mord im Neonazi-Milieu bis zur Nekrophilie einiges Schröckliche enthalten, das die bekannten Ermittler unter der Leitung der Kommissarin Thi Fischer unter Mitarbeit diverser Biere und Klarer zu klären haben. Unorthodox und angenehm politisch unkorrekt. Melancholisch Feuchtes sucht man vergebens, dafür findet man Furztrockenes. Und so paradox das klingt: es kommt eine Art ruhrgebietlicher Familiarität auf, wenn etwas weite Welt durch Oberhausen weht.
Markus Bötefür: Fronleichnam. KBV Verlag 2009, 211 S., 9,50 €

capusAlex Capus erzählt in seinem Roman ‚Fast ein bißchen Frühling' die authentische Geschichte zweier junger Freunde, "die im Winter 1933/34 den Seeweg von Wuppertal nach Indien suchten". Diese Flucht aus dem zukunftverstellenden Nazi-Deutschland beginnt mit einem Banküberfall und endet nach einem weiteren und einigen Toten in Basel. Die Geschichte der Überfälle, der platonischen Liebe zu einer Baseler Schallplattenverkäuferin, der fehlschlagenden Versuche, doch noch Indien zu erreichen ist so schnörkellos und unsentimental erzählt, dass sie fast grotesk witzig wirkt.

Die präzisen Angaben zu Motorrädern oder Autos, die authentischen Zeitungskommentare zum dramatischen Geschehen, das in eine lebenslang andauernde Ehe mündende voreheliche Zerwürfnis eines dörflichen Paares z. B. fügt Capus kunstfertig zu einem Roman, dessen zeitgeschichtliche Stimmigkeit literarisch völlig überzeugt. "In dem Maße, wie uns die anderen schlechtheißen, waren wir gut." schreibt Waldemar, einer der beiden Freunde, kurz vorm Ende in sein Wachstuchheft. – Ein kleiner Roman, der groß im Gedächtnis bleibt und gern mehr als einmal gelesen werden wird.
Alex Capus: Fast ein bißchen Frühling
. DTV Taschenbuch, 8,90€ oder Residenz Verlag, geb., 12,90€ oder 14,90€

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