lang"Als der Pott noch kochte"
heißt der Bildband mit Aufnahmen des Essener Photographen Horst Lang (1931-2001).
Seine Bilder aus und von Oberhausen, Essen, Duisburg und Umgebung muten fast wie Zeugnisse eines versunkenen Paralleluniversums an, obwohl sie vor erst rund 40 bis 50 Jahren entstanden sind.
Gerade in der bunten Bemühtheit des Kulturhauptstadt-treibens 2010 leuchtet aus diesen schwarzweißen Photo-graphien so etwas wie die Seele des Reviers. Rauchende Schlote und dampfende Kühltürme kolossaler Hüttenwerke, von geduckten ziegelgezahnten Koloniehäusern wie von einem Burgbering umgeben; Halden besiedelnde Birken-pioniere; die Dreieinigkeit vom Büdchen an der Ecke, dem VW-Käfer und der Straßenbahn, die davor aneinander vorbeirumpeln. Der grasstruppige Bahndamm wird von Kindern bespielt, die heute 60 Jahre sein mögen.
Das sind alles Bilder von großer unsentimentaler Eindring-lichkeit, die selbst Betrachter, die diese Zeit und Orte nicht kennen, aufhorchen lassen. Denn sie beginnen zu erzählen, von Arbeit, Schichtwechsel, Feierabend; und auch von der Zukunft, die in ihnen schon angelegt ist. So schaut ein Großvater, an der Hand seinen Enkel, der gerade so groß ist, dass sein Kopf bis zum haldensäumenden Geländer reicht, auf das sein Opa sich stützt, auf die schornstein-befingerte Stadt.

Horst Lang: Als der Pott noch kochte;
Schirmer/Mosel Verlag, 2010
24,80 €

cover"Groschenroman" heißt das Buch, das Martin Keune über das bizarre Leben des vergessenen "Erfolgsschriftstellers" Axel Rudolph geschrieben hat. Was sich liest wie eine spannende, hochdramatische Fiktion, ist tatsächlich gewesen. Rudolphs Lebensweg vom Bergarbeiter im Bochumer Pütt über seine Gefangenschaft und Flucht aus Südsibirien im Ersten Weltkrieg bis zu seiner Hochzeit als vielschreibender Autor rasend verkaufter Unterhaltungsromane und Filmvorlagen in den 30er Jahren und seiner Hinrichtung 1944 in Brandenburg liest sich selbst fast wie ein Groschenroman; allerdings ohne Happy End. Keune gelingt es beeindruckend, die Lebenszeit Rudolphs auszuleuchten und zu spiegeln, indem er sein Einzelschicksal sich in den gesellschaftlichen und politischen Zeitläuften brechen lässt. Zahlreiche Bilddokumente und ein umfangreicher Anhang, der u.a. biographische Anmerkungen und ein vollständiges Werkverzeichnis umfasst, ergänzen die fesselnde Lektüre. Keune legt Schicht um Schicht einer Zeit frei, deren alltägliche menschenverachtende Brutalität schon fast vergessen ist. Es macht wacher, solch ein Buch zu lesen. "Das Vergessen begann." ist der letzte Satz vor dem Epilog. Genau damit beginnt das Erinnern an Axel Rudolph und ‚seine' Zeit.
Martin Keune: Groschenroman. be.bra verlag, 2009. 19,90 €

schimmangIm Geschichtsbett der alten BRD 1989 wie von einem bedrückenden Traum geweckt, erleben wir den Wandel der Bonner zur Berliner Republik.

Jochen Schimmang erzählt in seinem neuen Roman "Das Beste, was wir hatten" mit ironisierter Wehmut vom Leben und Arbeiten der befreundeten Gregor Korff und Leo Münks, Ministerberater der eine, Verfassungsschützer der andere.
Immer wieder eingestreute Reizwörter kitzeln Erinnerungsmarken der bundesrepublikanischen Vergangenheit auf den "Schirm", unter dem die Geschichte ihren Lauf nimmt. Der Ton ist souverän suggestiv, das Geschehen spannend, im Großen, wie im Kleinen. Auch wenn Geschichte gemacht wird, so vollziehen sie nicht immer und automatisch alle mit.
Wem dann die Heimat abhanden kommen mag, der kann sie in einer erlösenden, anarchischen Utopie wiederfinden. "Das Beste, was wir hatten" ist ein Roman vom überlebenden Zweifel an unserer Staatlichkeit, die alles regele, einer, der der Verfasstheit der Einzelnen eine Zukunft entwickelt. Eben auch das, was wir immer haben werden. Republikanisches Leben als Selbstversuch.
Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten; Edition Nautilus, 2009; 19,90€

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